„Dabei müsste man sich von Zeit zu Zeit fragen, wo man ist“, schreibt Georges Perec. „Eine Zwischenbilanz ziehen. Über seine Seelenzustände, über seine Gesundheit, seine Ambitionen, seinen Glauben und seine Seinsberechtigung.“
Zwischenbilanz zu ziehen, zumindest so, wie es Perec vorschlägt, ist eine Aufforderung, die den Betrachtenden dieser Bilder nicht abgenommen werden kann. Deshalb geht es hier um eine Form der Zwischenbilanz, die der Schriftsteller nicht auflistet. Die aber in seinen Worten mitschwingt; in Seelenzuständen, in Gedanken zur Gesundheit, Fragen zu Ambitionen, zum Glauben, zu einer Seinsberechtigung: eine künstlerische Möglichkeit, Zwischenbilanz zu ziehen.
Ersetzen wir den trockenen Begriff Zwischenbilanz und sprechen von einem kurzen Innehalten.
Anregung für diese Ausstellung war das hier gezeigte Bild „Figurengruppe“. Geisterhafte Körper, in verschiedene Richtungen gehend, stehend, kauernd, sich voneinander abwendend. Diese Malerei ist in schnellen Strichen entstanden. Man kann sie auch als grossformatige Skizze bezeichnen. Lange stand sie unbeobachtet im Atelier. Bis ich sie, auf der Suche nach einer Idee für diese Ausstellung, wieder hervorholte.
Ich beschloss, kurz innezuhalten. Die Figurenskizze, vor über einem Jahr gemalt, sollte Modell werden für meinen heutigen Blick, Perspektiven für neue Werke eröffnen. So sind die kleinen Ölmalereien entstanden, die in der Ausstellung gezeigt werden.
Dabei wollte ich mich vor allem auf diesen einen Aspekt der Figurengruppe einlassen: die Stellen, an denen sich die Körper überschneiden. Gemalt wurden die kleinen Bilder in ähnlichen Farbtönen wie ihr Vorbild „Figurengruppen“. Sie sind Zooms, Nahaufnahmen sich überlagernder Körper – und somit weiterhin als figürliche Malerei zu betrachten. Gleichzeitig sind sie Ergebnisse des Versuchs, auf die grosse Ölskizze zu schauen und mich zu fragen: Was habe ich damals getan, in jenem Moment, vor gut einem Jahr? Eine Zwischenbilanz, in Farbe und Form.
Beim Malen der kleinen Bilder ist mir klar geworden, dass Innehalten nicht funktioniert. Mindestens nicht konsequent. Innehalten bedeutet zurückzuschauen und ist gleichzeitig die Vorbereitung darauf, Schritte vorwärts zu gehen. Oder anders formuliert: Man kann das Leben nicht anhalten – und sehnt sich manchmal trotzdem danach. Schöner als der Singer/Songwriter Bill Callahan kann man es nicht sagen: „If you could only stop your heartbeat for one heartbeat.“
Zurück zu den kleinen Bildern: Jedes ist eine Reflexion auf die grosse „Figurengruppe“, aber auch ein Schritt in eine andere, neue Richtung, irgendwohin, ins Chaos vielleicht. Jedes ist ein Herzschlag.